21.11.08 22:05 Alter: 3 yrs

Die Maestros des Taktstocks

Kategorie: Kultur

 

"Ein schlechter Sänger", sagt Hector Berlioz, "kann nur seine eigene Partie verderben, ein unfähiger und böswilliger Dirigent dagegen alles." Ein Streifzug auf den Spuren des Geheimnisses von Lorin Maazel, David Zinman, Marek Janowski und Alan Gilbert, beginnend bei Herbert von Karajan.

Am 15. August dirigiert Riccardo Muti (*1941) an den Salzburger Festspielen (S. 16) das Deutsche Requiem op. 45 von Johannes Brahms - im Gedenken an Herbert von Karajan (1908 -1989). Zwanzig Jahre zuvor war Karajan mit diesem Werk letztmals im Grossen Festspielhaus aufgetreten. Insgesamt gab der geniale Dirigent, der am 5. April 100 Jahre alt geworden wäre, allein in Salzburg weit über 400 Konzerte. 1956 wurde er für einige Jahre zum Künstlerischen Leiter der Salzburger Festspiele ernannt; dem Direktorium der Festspiele gehörte er von 1964 bis 1988 an. Die Salzburger Osterfestspiele gehen genauso auf ihn zurück wie die Pfingstfestspiele, die unter Riccardo Muti zusätzlich an Ausstrahlungskraft gewinnen. Herbert von Karajan verstand es wie kein Zweiter, Kultur mit Glamour, Marketing und modernster Technik in Einklang zu bringen. "Wer alle Ziele erreicht hat, hat sie wahrscheinlich zu niedrig gewählt ", lautete sein Motto bei der Suche nach dem perfekten Klang. Dabei setzte

Karajan manchen Meilenstein, auch wenn ihm Kritiker mangelnde Emotionalität vorwarfen. Im Jubiläumsjahr ist insbesondere die "Karajan 2008 Anniversary Tour " der Berliner beziehungsweise Wiener Philharmoniker zu erwähnen. Zudem bieten die Siemens Festspielnächte während der Salzburger Festspiele Opernund Konzertverfilmungen.

 

Maazel - die Hemmungen überwinden

 

Lorin Maazel (*1930) scheint vor Selbstvertrauen zu strotzen. In einem Interview erklärte er allerdings vor rund zehn Jahren in "Klassik heute", er habe sowohl beim Komponieren als auch beim Dirigieren enorme Hemmungen überwinden müssen. " Ich war so sehr von den grossen Meistern beeindruckt, dass mich das völlig einschüchterte in meinem bescheidenen Können. Ich sagte mir: ?Ich stehe so weit unter denen, und es hat keinen Sinn, in dieser Gesellschaft so etwas zu schreiben?, was natürlich nicht richtig war - die Meister verehren ist schön und recht. Aber es ist auch versteckter Hochmut dabei, wenn du glaubst, dass man dich mit einem grossen Meister vergleichen würde. Denn letztlich musst du das machen, was du zu machen gezwungen bist." Maazels Hemmungen als Komponist wurden von Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch (1927-2007) abgebaut - zum Glück, wenn man an die 2005 uraufgeführte Oper "1984" (nach George Orwell ) denkt, und seine Hemmungen als Dirigent fanden dank Victor de Sabata (1892-1967) ihre schnelle Überwindung: "Du musst weitermachen. Es  ist an den anderen, über dich zu urteilen." Bereits als Fünfjähriger erhielt Lorin Maazel Klavier- und Violinunterricht, später war er Geiger im Orchester von Pittsburgh und auch heute noch tritt er bisweilen als Violinist auf. Doch schon mit neun Jahren stand Little Maazel als Dirigent vor dem Los Angeles  Philharmonic Orchestra, und als Zwölfjähriger leitete er erstmals das New York Philharmonic. Bis er das Orchester 60 Jahre später im September 2002 als Music Director übernahm, leitete er als Gastdirigent bereits über 100 Aufführungen. Im Laufe seiner langen Karriere dirigierte Maazel über 150 verschiedene Orchester und über 5000 Opern- und Konzertaufführungen, zudem erschienen rund 300 Tonträger unter seinem Namen. 2001 konnte Maazel an den Salzburger Festspielen seine hundertste Aufführung leiten; 2005 dirigierte er zum zehnten Mal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Bewunderung ruft die Souveränität Maazels im Umgang mit schwierigsten Partituren, seine Virtuosität der Orchesterleitung hervor. Alles scheint ihm leichtzufallen. Sein Erfolgsrezept ? "Ich dirigiere nichts, was ich nicht liebe."

 

Zinman - neuer Elan nach Sabbatical

Zinman sei ein wandlungsfähiger Künstler, dem eine bedeutende Spätkarriere offen stehen könne, erklärt Wolfgang Schreiber in seinem Standardwerk "Grosse Dirigenten". Vielleicht gehört er ja selbst zu jenen, die dem Werdegang von David Zinman (*1936) lange zu wenig Beachtung schenkten. Dabei wurde Zinman nach der Ausbildung bei Pierre Monteux und dem London Symphony Orchestra bereits im Alter von 28 Jahren das Niederländische Kammerorchester in Amsterdam anvertraut, bei dem er 13 Jahre lang wirkte. Ähnlich beständig arbeitete er auch mit der Rochester Philharmonic (1974-1985) und dem Philadelphia Orchestra (1985 -1998) zusammen. Nun ist Zinman Music Director beim Aspen Music Festival (seit 1998) und Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich (seit 1995). In der letzten Spielzeit gönnte er sich ein Sabbatical am Rande der kalifornischen Wüste, allein mit seiner Frau und seiner Katze. "Den Konzertsaal habe ich nicht vermisst, nur den Austausch mit anderen Menschen", führt er dazu aus. "Jeden Nachmittag spielte ich  Golf und tankte so neue Energie." Am Morgen las er, schrieb an seiner Biografie und nützte die Gelegenheit, ohne Druck  neue Werke einzustudieren. Nicht zuletzt galt seine Aufmerksamkeit Gustav Mahler, dessen zehn Sinfonien Zinman mit dem Tonhalle -Orchester Zürich nach und nach erarbeitet und auf CD aufnimmt (S. 11). Schon in Rochester und Philadelphia hat sich Zinman intensiv mit Mahlers Sinfonien beschäftigt. Kennengelernt hat er sie in den Vierzigerjahren, als Bruno Walter (1876 -1972) das New York Philharmonic dirigierte. Später durfte er Dimitri Mitropoulos (1896 -1960), einen wichtigen Mahler-Propheten, bei den Proben mit dem gleichen Orchester beobachten. Er erlebte die unterschiedlichen Annäherungen seiner Kollegen, doch fand er schliesslich seinen eigenen Zugang: Bruno Walter kommt ihm heute zu versöhnlich vor, Leonard Bernstein (1918 -1990) zu persönlich, Otto Klemperer (1885 -1973) zu zäh. Am meisten beeindruckt ihn die Genauigkeit von Georg Szell (1897-1970) im Umgang mit Mahlers Partituren. Transparenz und klangliche Balance hält Zinman für die entscheidenden Kriterien. Als Dirigent habe er die Aufgabe, die emotionalen Exzesse Mahlers nicht zusätzlich zu unterstreichen. Preise wie zuletzt der Midem

Classical Award 2007 für Beethovens Violinkonzert (mit Christian Tetzlaff ) und der Midem Classical Award "Artist

of the Year 2008" (für das Gesamtwerk) zeigen, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet.

 

Janowski: "Haydn tut allen gut "

 

2008 feiert Marek Janowski (*1939) den  90. Geburtstag seines Orchestre de la Suisse Romande, das er seit drei Jahren neben dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin erfolgreich leitet. Wird sein 70. Geburtstag ebenfalls eine  Möglichkeit liefern, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erlangen? "Ich halte ehrlich gesagt wenig von Jubiläen ", meint dazu Marek Janowski. "Meinen 50. Und 60. Geburtstag habe ich fast gar nicht gefeiert, aber natürlich denkt man bei solchen Gelegenheiten über sein Leben nach." Dass gerade auf diesen Zeitpunkt eine Biografie erscheint, ist Zufall. Janowski hat sich Stufe um Stufe hinaufgearbeitet. " Ich glaube, dass die alte Methode, wo man das Kunsthandwerk des Dirigierens Schritt für Schritt gründlich und breit gefächert gelernt hat, leider fast verschwunden ist. Ich denke, dass deshalb manch junger Dirigent viel zu wenig technische Details kennt, wenn er sich bereits in jungen Jahren in wichtigen Positionen befindet." Von den " Jubiläumskomponisten" schätzt er Joseph Haydn, im Mai 1809 in Wien verstorben, ganz besonders, da er wegen seiner Präzisionsforderung für jedes Orchester von besonderer Bedeutung sei. Jedes Orchester müsse sich nach einigen Jahren jeweils wieder mit Haydn beschäftigen, damit alles wieder an seinen richtigen Platz gerückt werde: "Das Wichtigste in der Musik ist, dass zuerst das Element der vertikalen Präzision etabliert wird. Erst danach kommt der künstlerische Aspekt, die inspirative Arbeit. Vertikale Präzision aber bedeutet einen perfekt ausbalancierten Klang zwischen Blech, Holzbläsern und Streichern. Dies gehört für mich zur Sauberkeit des Partiturlesens."

 

Gilbert - die junge Garde im Vormarsch

 

"Dirigieren ist ein lebenslanger Prozess, und wir Dirigenten werden musikalisch erst mit 60 Jahren vielleicht interessant ", führte Sir Simon Rattle (*1955) 1992 im "NZZ Folio" aus. Seit 1999 leitet Rattle die Berliner Philharmoniker. Was er wohl in sieben Jahren, zum "interessanten" Dirigenten gereift, alles bieten wird? Eine der anspruchsvollsten Aufgaben ist es, den Verjüngungsprozess am Taktstock rechtzeitig einzuleiten. Einen radikalen Schnitt machte das Los Angeles Philharmonic und ernannte den Venezolaner Gustavo Dudamel, Jahrgang 1981, auf die Saison 2009/10 zum Chefdirigenten. Auch das New York Philharmonic hat auf den gleichen Zeitpunkt hin mit Alan Gilbert (*1967) eine zukunftweisende Wahl getroffen. Gilbert ist in einer Familie aufgewachsen, die eng mit dem New York Philharmonic verbunden ist. Seine Mutter ist Violinistin im Orchester, sein Vater war es bis 2001. Zusätzlich wurde in den letzten Jahren der Ruf nach einem jungen, einheimischen Dirigenten laut. Und doch ist Alan Gilbert die neue Aufgabe nicht automatisch in den Schoss gefallen. "Jeder Dirigent träumt davon, einmal ein grosses Orchester führen zu dürfen, aber vom New York Philharmonic zu träumen, getraute ich mich nicht ", gesteht er. Immerhin durfte er das Orchester ab 2001 über 30 Mal als Gastdirigent leiten, zur Zufriedenheit aller. Denn eine der Stärken Gilberts ist es, eine gute Atmosphäre zu schaffen. Er ist weniger der gestrenge,

 

über dem Orchester stehende Chef als vielmehr ein Primus inter pares, Lenker einer Gruppe, bei der für ein gutes Resultat alle zusammenarbeiten und harmonieren müssen. Erfahrungen sammelte Gilbert zuletzt mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra (2000- 2008), an der Santa Fe Opera (2003- 2006) sowie als Erster Gastdirigent beim NDR Sinfonieorchester (seit 2004). Was wird sich mit ihm ändern? Gilbert gibt sich zurückhaltend. Man solle einfach seine letzten Programme studieren, dann spüre man es. Sicher kommen  vermehrt amerikanische und moderne Komponisten zum Zuge. "Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die verschiedenen Musikstücke einfühlsam und auf unübliche Weise miteinander zu kombinieren. Das New York Philharmonic ist ein derart grossartiges Orchester, dass es wirklich alles spielen kann." Womit zuletzt die Erkenntnis zum Tragen kommt, dass aus dem Taktstock keine Töne fliessen. Der beste Dirigent braucht ein kongeniales Orchester.


Von Andreas Schiendorfer

Quelle: Aus dem Bulletin der Credit Suisse